In diesem Beitrag findest du ein Beispiel für eine textgebundene Erörterung zum Thema staatliche überwachung.

Dieses Beispiel zeigt den grundsätzlichen Aufbau einer textgebundenen Erörterung und wie die einzelnen Pro und Kontra Argumente miteinander verknüpft werden können. Zum Thema „Textgebundene Erörterung schreiben“ haben wir einen extra Artikel geschrieben, den du hier findest.

Überwachungskamera in einer chinesischen Stadt. Created by Fanjianhua – Freepik.com

Überwachungskamera in einer chinesischen Stadt. Created by Fanjianhua – Freepik.com

Staatliche Überwachung: Sicherheit total (textgebundene Erörterung Beispiel)

Statistisch gesehen wird in England jeder Mensch ca. 300[1] Mal pro Tag von einer Kamera erfasst. 1.903 Überwachungsmaßnahmen (Festnetz, Internet, Mobilfunk) wurden im Jahr 2013 in Berlin registriert. Dies ist ein Zuwachs von 155% zum Jahr 2008. In Brandenburg betrug die Anzahl von Überwachungsmaßnahmen 268. Dies entspricht einem  Zuwachs von 267%[2]. Tendenz steigend. In dem Artikel „Staatliche Überwachung: Sicherheit total“ von Juli Zeh, erschienen am 06.08.2009 in der Zeitung DIE ZEIT (online), setzt sich die Autorin mit der Frage, ob wir durch die immer weiter steigende staatliche Überwachung wirklich sicherer sind, auseinander.

Juli Zeh stellt zu Beginn die These, dass der Staat so viel wie möglich über seine Bürger wissen will, auf. Denn nur so könne dieser uns gegen alle erdenklichen Bedrohungen schützen und uns zum Beispiel vor einem Polizei- oder Justizirrtum bewahren. Gleichzeitig stellt sie jedoch die Frage in den Raum, ob wir wirklich bereit sind, den Preis einer allumfassenden Kontrolle des Staates zu bezahlen. Sie stellt dazu einige Thesen mit entsprechenden Argumenten auf und untermauert diese mit Beispielen.

Zunächst startet Juli Zeh ein Gedankenexperiment, bei dem der Leser sich vorstellen soll, was wirklich mit Hilfe von flächendeckender Überwachung unterbunden werden kann. Dazu stellt sie die These, dass Bedrohung subjektiv und damit auch relativ ist, auf. Ihrer Ansicht nach würden erst die schweren Verbrechen wie Terrorismus, organisierte Kriminalität und Ähnliches bekämpft werden. Jedoch würden wir, wenn diese „Bedrohungen“ bekämpft worden sind, andere, vorher harmlosere Gefahren, als gefährlicher empfinden, wie zum Beispiel den Diebstahl von 1.000 Euro mit einer älteren Frau als Opfer oder Autofahrer, die mit 80 km/h durch Wohngebiete rasen.

Zeh ist der Auffassung, dass durch die zunehmende Überwachung die Angst vor immer kleineren unwahrscheinlicheren Szenarien wächse. Sie versucht ihren Standpunkt mit einem Zitat von Donald Rumsfeld aufzuwerten. Dieser äußerte, dass wir heute sicherer vor einem Atomkrieg sind und trotzdem verwundbarer durch Kofferbomben (Vgl. Z. 32-33).

Eine weitere These von Juli Zeh lautet, dass Sicherheit keine Tatsache sondern ein Gefühl sei. Sie argumentiert, dass wir uns in der heutigen Zeit durch Krankheiten wie die Vogelgrippe und BSE oder durch Terrorismus nicht wirklich sicher fühlen, jedoch früher andere, viel größere Gefahren, wie Weltkriege oder die Spanische Grippe uns bedrohten. Auffällig ist, dass sie viele Fragen in den Raum wirft und direkt den Leser anspricht (Vgl. Z. 42-45). Dadurch wird dieser gezielt zum  Nachdenken darüber angeregt, wann wir wirklich sicher sind und ihre These, dass Sicherheit nur ein Gefühl sei, wird somit bekräftigt.

Die Autorin behauptet, dass sich Sicherheit nicht herstellen lässt. Es könne kein Risiko zu 100% ausgeschlossen werden. Darüber hinaus ist sie der Auffassung, dass wir mehr Angst vor unwahrscheinlichen als vor wahrscheinlichen Ereignissen haben. Dazu nennt sie das Beispiel, dass die Wahrscheinlichkeit beim Putzen im Bad oder im Auto eines unnatürlichen Todes zu sterben am größten ist, wir jedoch vor dieser Wahrscheinlichkeit keine Angst hätten. Eher haben wir Angst vor Dingen, die wir nicht kennen. Sie nimmt Bezug auf eine Theorie, welche besagt, dass die Fehleinschätzung von Risiken dem Überleben dienlicher sei, da wir sonst von ständiger Angst umgeben wären (Vgl. Z. 56ff). Aufbauend auf der von ihr genannten Theorie stellt sie dem Leser die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit auf einer Party mit 40 Gästen sei, dass 2 Personen am gleichen Tag Geburtstag hätten (Vgl. Z. 63ff). Sie versucht damit wieder ihre Argumente zu unterstützen, da sie weiß, dass der Leser niemals auf die Wahrscheinlichkeit von 90 % kommen wird. Genauso wenig wie er auf die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terroranschlags zu werden, kommen wird. Da diese bei ca.  0,00000025 % liegt (Vgl. Z. 66ff).

Des Weiteren vertritt sie die Meinung, dass die modernen technischen Innovationen zur Verängstigung der Bürger beitragen, obwohl diese eigentlich zur Linderung der Ängste vorgesehen seien.

Ihrer Ansicht nach sollte den staatlichen Sicherheitsexperten nicht zu viel Vertrauen geschenkt, sondern lieber ein Blick in die Statistiken geworfen werden. Der Trend, dass Deutschland seit Jahren sicherer werde, liege nicht an mehr Überwachung, sondern zum Beispiel an verbesserter Automobiltechnologie. Deshalb ist es ihrer Meinung nach nicht notwendig, Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz gegen eine ungewisse Zukunft zu errichten. Abschließend wertet sie Ihren eigenen Standpunkt mit einem Zitat von Karl Popper auf, der sinngemäß äußerte, dass wir für Frieden und nicht für Sicherheit sorgen müssen, da der Frieden  Sicherheit sicher machen könne (Vgl. Z. 94ff).

Juli Zehs Text ist teilweise deskriptiv, da informativ, größtenteils aber argumentativ, da sie ihre eigene Meinung äußert und die Meinung der Leser versucht zu beeinflussen. Dies fällt bei der Argumentation durch die häufige Verwendung des Wortes „wir“ auf. Die Autorin versucht einen Gemeinschaftssinn zu wecken. Deutlich zu erkennen in den Zeilen 46-49. Durch die Verallgemeinerung des eigenen Standpunktes mit Sätzen wie „Wir fürchten uns am meisten vor Dingen, […] (S. 2 Z. 55f) oder „Andernfalls würden wir nämlich in kein Auto mehr steigen […]“ (S.2 Z. 59f) versucht die Autorin die Meinung der Leser in eine gezielte Richtung zu lenken.

Sie spricht häufig den Leser direkt an und fordert diesen oft zum Nachdenken auf. Dies geschieht durch auffällig viele „Fangfragen“, gut zu erkennen in den Zeilen 21-25, 42-45 und 64-67. Dadurch kann sie ihre eigenen Thesen, Argumente und Beispiele stützen, da der Leser meistens nur die Möglichkeit zur Zustimmung hat.

Unterstützend zu ihrer Argumentation bezieht sie sich auf Theorien, Zitate und Statistiken. Außerdem benutzt sie Metaphern wie zum Beispiel „Bollwerke“ (S. 3 Z. 89), die für unüberwindbare Hindernisse vor dem geistigen  Augen des Lesers sorgen oder auch „Versicherungspropheten“ (S. 3 Z. 92), welche auf die Welt des „Glaubens“ der Religionen verweist.

Doch sind wir nun durch eine kontinuierlich steigende staatliche Überwachung wirklich sicherer?

Ich bin, wie Juli Zeh, der Meinung, dass sich Sicherheit nicht 100 prozentig herstellen lässt, jedoch können wir durch die heutigen Möglichkeiten der Überwachung eine bessere Aufklärung von Straftaten erzielen. Wir können diese natürlich nicht verhindern, jedoch können wir verhindern, dass ein Täter, der bereits eine Straftat beging, ein weiteres Mal eine Straftat begehen wird. Dazu möchte ich ein ganz konkretes, leider aktuelles, Beispiel nennen. Durch die Veröffentlichung eines Bildes einer Überwachungskamera konnte der Mörder und Entführer von Mohamed, einem kleinen, erst 4 Jahre alten Jungen, überführt werden. Die Mutter des Mörders erkannte ihren Sohn auf dem Fahndungsbild und zeigte den Entführer bei der Polizei an. Es stellte sich heraus, dass dieser auch an dem Verschwinden und der Ermordung eines weiteren vermissten Jungen, Elias, Schuld ist. Nur durch die Veröffentlichung des Bildes konnte der Mörder der zwei Kinder gefasst und somit eventuell eine weitere Straftat verhindert werden.

Ein weiterer Vorteil der flächendeckenden Überwachung ist: das Gefühl von Sicherheit zu haben, auch wenn diese nicht zwingend gegeben sein muss. Man fühlt sich zum Beispiel in einer U-Bahn, in der nur noch eine weitere Person ist, sicherer, wenn man weiß, dass diese überwacht wird. Jedoch ist dies nur ein Gefühl von Sicherheit, welches natürlich nicht vor Straftaten anderer abhält.

Ergänzend zu Juli Zehs Argumentation sehe ich als nachteilig an, dass die flächendeckende Überwachung mit immensen Kosten verbunden ist. Kosten für die Infrastruktur, wie zum Beispiel die Installation von Kameras, die, wenn sie denn eine gute Qualität liefern sollen, auch nicht gerade preiswert sind. Aber auch Kosten für Personal, das diese, um bei dem Beispiel der Kameras zu bleiben, Vielzahl von Videos und Bilder überwachen und auswerten muss, sowie Wartungen an den Anlagen durchführen. Kosten, die nicht immer im Verhältnis zum Aufwand und Ergebnis gerechtfertigt sind, denn ein Terrorrist, der einen Anschlag ausführen will, wird sich nicht von Videokameras abschrecken lassen.

Ein weiterer Aspekt, der gegen die Überwachung spricht, ist meiner Meinung nach die Wirtschaftsspionage. Durch zum Beispiel Telefon- und Internetüberwachung ist es leicht möglich, an geheime, nicht sicherheitsrelevante, Informationen zu gelangen und diese zu verkaufen oder zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Doch als größten Nachteil der staatlichen Überwachung sehe ich die Einschränkung der persönlichen Freiheit. Wenn ein Mensch immer und überall überwacht wird, wird er in seiner Ausübung von Tätigkeiten oder der Wahl der Worte eingeschränkt, da er ständig befürchten muss, einen Fehler zu begehen, der dann Konsequenzen nach sich zieht. Der Mensch würde sich selbst zensieren und an eine freie Meinungsäußerung wäre kaum noch zu denken. Doch gerade das stellt einen Grundpfeiler der modernen Demokratie dar. Wenn kaum einer mehr seine Meinung frei äußern würde, würden diejenigen, die es sich dennoch trauen, sofort ausfindig gemacht und vom Staat verfolgt werden. Am Ende gäbe es keine kritische Gegenwehr gegenüber dem Staat und wir wären auf dem besten Weg zum Totalitarismus. Ist es das,  was wir wollen?

Wenn ich nun die Vor- und Nachteile abwäge, komme ich zu der Schlussfolgerung, dass wir durch eine immer weiter steigende staatliche Überwachung nicht zwingend sicherer sind. Sicherlich können durch geeignete Maßnahmen Straftaten besser und schneller aufgeklärt und somit weitere strafbare Handlungen verhindert werden. Andererseits werden wir in unserem Recht auf persönliche Freiheit dermaßen eingeschränkt, dass dies nicht das Mittel zum Zweck sein kann. Viele Menschen sind sich gar nicht über dessen Tragweite bewusst, da die meisten sowieso eine „Ich habe eh nichts zu verbergen“-Einstellung haben. Und Sie? Haben Sie auch nichts zu verbergen.

[1] Quelle: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/027/1702750.pdf (online, 30.10.2015)

[2] Quelle: http://deix.is/ueberwachungsstatistik/ (online, 30.10.2015)

Beitragsbild: created by Fanjianhua – Freepik.com