In diesem Beitrag findest du ein Beispiel für eine Gedichtanalyse . Das Gedicht „Augen in der Großstadt“ ist von Kurt Tucholsky und im Jahr 1930 erschienen.

Dieses Beispiel zeigt den grundsätzlichen Aufbau einer Gedichtanalyse, sowie die Verknüpfung der einzelnen Textpassagen.

Wie eine Gedichtanalyse aufgebaut ist, was ihr zu beachten habt und wie ihr diese am einfachsten schreiben könnt, haben wir euch in einem extra Beitrag erklärt. Den Artikel „Erstellung einer Gedichtanalyse“ findet ihr hier.

Beispiel Gedichtanalyse: Kurt Tucholsky – Augen in der Großstadt (1930)

Das Gedicht „Augen in der Großstadt“  des Dichters Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1930 wurde in der Epoche des Expressionismus verfasst und beschäftigt sich mit dem einsamen Leben in der Großstadt und den kurzen Augenblicken der Begegnungen. Dabei erzählt das lyrische  Ich von seinen Erfahrungen und dem Alltag in der Großstadt.

Zu Beginn des Gedichtes wird vom lyrischen Ich das monotone, mit Sorgen verbundene Alltagsleben geschildert. Das Leben in einer Großstadt ist oft schnell und durch die Zeit geprägt Diese Zeitnot wird im zweiten Vers durch „frühen Morgen“ (Vgl. Z. 2) sehr deutlich vom Dichter beschrieben, denn die Arbeit beginnt bei vielen Menschen bereits zu früher Stunde. Auch die Einsamkeit und die Sehnsüchte nach zwischenmenschlichen Beziehungen der Bewohner einer Großstadt werden von Tucholsky geschildert. In Vers 8–12 beschreibt er die kurzen Augenblicke bei der Begegnung zweier Menschen, die sich jedoch sofort wieder aus den Augen verlieren, da die Zeit fehlt um ein Gespräch zu führen.

Im weiteren Verlauf, spricht der Dichter in der zweiten Strophe den Leser direkt an, indem er „dein“ (Vgl. Z 13) Leben beschreibt. Auch in dieser Strophe ist das monotone Leben deutlich zu erkennen: „Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen“ (V.1-2) zeigt die Alltäglichkeit dieser Situation. In den Versen drei bis acht wird erneut die Einsamkeit, die das Leben in der Großstadt bestimmt, geschildert, da Menschen begegnet werden die sich nicht an einen selbst erinnern können („du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen“ [V. 3-4]), obwohl man ihnen wahrscheinlich schon öfters über den Weg gelaufen ist. Am Ende der zweiten Strophe (V.9-12) wird durch die Wiederholung bestimmter Verse ein weiteres Mal die Sehnsucht nach zwischenmenschlichen Beziehungen zunichte gemacht.

Die letzte Strophe schildert detailliert den Ablauf einer solchen Begegnung. Der kurze Augenblick, bei dem sich zwei Menschen begegnen, wird durch „siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern.“ (V.3-4) beschrieben. Dabei macht das Wort „Pulsschlag“ die Kürze bzw. Schnelligkeit deutlich. In den Versen 5-8 werden durch Anaphern („Es kann […]“ [Vgl. V. 5, 6, 7]) die möglichen Fälle, was der fremde für „dich“ sein kann, aufgezählt. In Vers 9 besteht kurz die Hoffnung auf eine Konservation „Er sieht hinüber“. Diese Hoffnung wird jedoch gleich in Vers 10 durch „zieht vorüber“ zerschlagen. Der letzte Abschnitt (V. 11-15) der dritten Strophe deutet wieder auf die Einsamkeit des Menschen hin, da keine längere Begegnung als der kurze Augenblick von der Dauer eines Pulsschlags, entstehen konnte.

Das Gedicht besteht aus 3 Strophen. Die ersten beiden Strophen bestehen jeweils aus 12 Versen, die letzte Strophe aus 15 Versen. Das Reimschema wechselt zwischen Kreuz- und Paarreim.  Der letzte Vers „Vorbei, verweht, nie wieder.“ (Z. 12, Z. 24, Z. 39) wird in jeder Strophe wiederholt und ähnelt einem Refrain. Zudem stellt dieser Vers eine Ellipse dar. Diese sehr verkürzten, unvollständigen Nebensätze können beim Leser einen schnellen Eindruck  hinterlassen, welcher die Schnelllebigkeit und den kurzen Augenblick, den der Autor in seinem Gedicht versucht zu vermitteln, hervorheben soll.

Ein eindeutiges Metrum ist nicht vorhanden, jedoch ist das Gedicht überwiegend im Jambus verfasst. Die in jeder Strophe wiederkehrende rhetorische Frage „was war das?“ (Vgl. Z. 11, Z. 23, Z. 37) wurde jedoch im Trochäus geschrieben um diese vom Rest des Gedichtes hervor zu heben.

Das lyrische Ich spricht den Leser direkt an und duzt ihn dabei. Durch die direkte Ansprache kann der Leser sich in die Gedanken des Dichters besser hineinversetzen und findet Parallelen zum eigenen Leben.

Der Autor verwendet in der ersten Strophe zwei Metaphern. Zum einem in Vers 6 „asphaltglatt“ und zum anderem in Vers 7 das Wort „Menschentrichter“. Durch die Verwendung dieser Metaphern kann sich der Leser die vielen Millionen Menschen in der Großstadt besser vorstellen. Außerdem wird vom Autor in der ersten Strophe die Stadt personifiziert („da zeigt die Stadt“ [Z. 5]), um die Lebendigkeit der Großstadt zum Ausdruck zu bringen.

In der ersten  und zweiten  Strophe, jeweils im ersten und dritten Vers verwendet der Autor Anaphern. „Wenn du zur Arbeit gehst“ (Z. 1), sowie „wenn du am Bahnhof stehst“ (Z. 3) und „Du gehst dein Leben lang“ (Z. 13), sowie „du siehst auf deinem Gang“ (Z. 15). Diese Anaphern sollen eine verstärkende Wirkung beim Leser erzielen.

Das Gedicht wurde zur Zeit des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit geschrieben. Typisch für den Expressionismus war die Industrialisierung und Urbanisierung. Großstädte entwickelten sich zu Massengesellschaften, was für viele Menschen eine Umstellung bedeutete. Dies war der Anlass für Tucholsky dieses Gedicht zu verfassen. Das Gedicht greift die damals aktuellen Themen auf: emotionale und soziale Oberflächlichkeit, sowie all die zwischenmenschlichen Probleme, wie zum Beispiel Verfremdung und Anonymität.

„Augen in der Großstadt“ ist jedoch auch heute noch durchaus aktuell. Die Urbanisierung ist kaum zu dämmen. Dies macht sich vor allem im Immobilienmarkt bemerkbar. Es ist kaum noch möglich, bezahlbare Wohnungen in der Großstadt zu finden und  falls dann doch mal Wohnungen angeboten werden ist die Nachfrage immens. Und obwohl so viele Menschen in der Stadt wohnen ist man trotzdem nur einer von vielen Millionen. Man begegnet jeden Tag hunderte Menschen, doch neue Menschen kennen lernen, das ist sehr selten. Viele kennen nicht einmal ihren Nachbarn, weshalb es nicht wunderlich ist, dass immer mehr Menschen zu Hause sterben und erst Wochen später gefunden werden.