Beispiel Gedichtanalyse – „Berlin, Paris, New York“

Quelle: www.diogenes.ch

Das Gedicht „Berlin, Paris, New York“ von Jörg Fauser ist 1979 erschienen und kann als eine Art Liebeserklärung an die „großen Städte“ gedeutet werden. Das lyrische Ich reflektiert dabei die Erfahrungen und Wahrnehmungen, welche es in den großen Städten der Welt gesammelt hat.

Zunächst zählt das lyrische Ich in der ersten Strophe auf, was es alles schon gesehen hat und erklärt, dass es all dies „immer“ (V. 2) geliebt hat. Dazu nennt es unter anderem die Frauen (Vgl. V. 3), die Bars (Vgl. V. 3) aber auch historische Geschehnisse, wie die Berliner Luftbrücke („Dämmerungen vor dem Gebrüll der Maschinen [V. 4-5]). Denn als in der Zeit von 1948-1949 die westlichen Alliierten den westlichen Sektor Berlins mit den sogenannten „Rosinenbombern“ versorgt haben, wurde der Himmel oft düster und die Flugzeuge waren ohrenbetäubend laut. Außerdem wird ein weiteres positives historisches Ereignis vom lyrischen ich genannt und zwar „der[r] Sturm auf die Bastille“ (V. 5-6). Die Stürmung der Stadttorburg im Osten von Paris Ende des 18. Jahrhunderts gilt heutzutage als Beginn der französischen Revolution und ist ein Nationalfeiertag Frankreichs. „große Städte“ bezieht sich dementsprechend auf Städte wie Berlin und Paris.

Dies wird in der 2. Strophe auch bestätigt. Das lyrische Ich zählt die Städte Berlin, Paris und New York (Vgl. V. 1) auf, aber auch eine scheinbar ganz alltägliche „Straßenecke in Schöneberg“ (V. 2), die das lyrische „tiefer“ (V. 3) bewegt als die schneebedeckten einsamen Landschaften auf dem Mont Blanc (Vgl. V. 4-5) oder „die Wälder im Untertaunus“ (V. 6). Dies lässt darauf schließen, dass das lyrische ich gern unter Menschen ist und auch das „Kiez“-Gefühl liebt (Vgl. V. 2).

Auch in der dritten Strophe schwärmt das lyrische Ich von den großen Städten. Es sieht die Städte als schön an (Vgl. V. 1) und nennt dazu den „Glanz ihrer Avenuen“ (V. 2-3), also ihrer Straßen. Jedoch erwähnt es in dieser Strophe das erste Mal auch die Schattenseiten der Stadt: „das Elend der Massen und die Vernichtung von Einzelnen“ (V. 3-6).

Dies wird vom lyrischen ich auch in der vierten Strophe thematisiert, jedoch ist die Liebe zu den großen Städten scheinbar so groß, dass es auch die dunklen Seiten akzeptiert: „und ich liebe sie auch in ihrem Verfall“ (V. 2-3). Man könnte annehmen, dass das lyrische Ich mit den großen Städten verheiratet ist, ein Ehepaar, welches sich in guten wie in schlechten Zeiten liebt.

In der fünften Strophe nimmt das lyrische Ich die großen Städte in Schutz und meint, dass nicht sie es sind, „die die Menschen zerstören“ (V. 2). In diesem Vers wird die Stadt als solche personifiziert.

Die letzte Strophe (Strophe 6) fasst die Dankbarkeit des lyrischen Ichs gegenüber der großen Stadt zusammen und macht sie dafür verantwortlich, was es sah und leiden musste, sowie wie es sich entwickelt hat (Vgl. V. 2). Es bezeichnet die Stadt als „Mutter aus Stein“, was auf eine Mutter-Kind-beziehung schließen lässt. Auch dies stellt eine weitere Personifikation dar. Anschließend blickt das lyrische Ich in die Zukunft („morgen, wenn meine Zeit vorbei ist“ [V. 5]) und ist der Meinung, dass  es die „große Stadt“ (V. 6) sein wird, die es begräbt (Vgl. V. 7).

Das Gedicht von Jörg Fauser besteht aus 6 Strophen. Die Anzahl der Verse variiert, die erste und zweite Strophe bestehen jeweils aus 6 Versen, die dritte und fünfte aus jeweils 5 Versen, die vierte Strophe aus 3 und die letzte Strophe aus 7 Versen. Damit hebt die letzte Strophe sich von dem Rest ab, um eine verstärkende Wirkung beim Leser zu erzielen.

Das Metrum ist nicht eindeutig feststellbar, jedoch ist der Trochäus auch auffindbar. Es existiert kein Reimschema, was eher unüblich für ein im weitesten Sinne positives Gedicht ist, da diese meist ein Reimschema aufweisen.

Das lyrische Ich verwendet häufig die Wortgruppe „große Städte“ (Str. 1 V. ½, Str. 4 V. 1, Str. 5 V. 1, sowie Str. 6 V. 1/4/6). Bis auf Strophe 2 fangen alle Strophen ähnlich an: „ich habe“, außer Strophe 6, denn diese beginnt mit „ich werde“ (V. 1) und hebt sich damit ein weiteres Mal vom sonstigen Muster des Gedichtes ab. Des Weiteren verwendet das lyrische Ich eine Metapher in Strophe 3: „den Glanz ihrer Avenuen“ (V. 3/4) um die Schönheit der Stadt zu visualisieren. Die Stadt wird an mehreren Stellen des Gedichtes personifiziert, wie zum Beispiel in der fünften Strophe in Vers 1 und 2 „es sind nicht die großen Städte, die die Menschen zerstören,“ oder in Strophe 6: „verdanke ich einer Mutter aus Stein“ (V. 3).

Das Gedicht selbst ist eine große Hypotaxe, da es Nebensätzen besteht und erst am Ende mit einem Punkt endet. Dieser Schlusspunkt kann auch mit dem in der letzten Strophe angesprochenem Tod bzw. Begräbnis in Verbindung gebracht werden.

Das Gedicht wurde Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre geschrieben und hat eine sehr positive Haltung gegenüber der Großstadt. Dies war in der Geschichte nicht immer so, denn viele Dichter, wie zum Beispiel Erich Kästner und Kurt Tucholsky, schrieben in der Epoche des Expressionismus meist sehr melancholische, düstere Großstadtlyrik. Oft wurde in diesen Gedichten die Anonymität, Einsamkeit und soziale Oberflächlichkeit angeprangert, was in dem Gedicht von Jörg Fauser nicht wiederzufinden ist und das, obwohl es zu einer Zeit geschrieben wurde, in der West-Berlin isoliert vom Rest der Bundesrepublik war.

Mir gefällt das Gedicht sehr gut, da auch mal die schönen Seiten einer Großstadt angesprochen werden. natürlich gibt es auch schlechte Seiten, die der Autor auch anspricht aber wie es im Leben nun mal ist, gibt es immer zwei Seiten einer Medaille und wie heißt es so schön: „Wer das eine liebt muss das andere mögen“.